Setzen, Hefte raus, Poker!

Setzen, Hefte raus, Poker!

In der Schule gibt es schon mal Durchhänger. Wir alle haben das am eigenen Leib erfahren. Da wäre etwas Abwechslung manchmal gar nicht so schlecht. Kein immer gleiches Mathe, kein kompliziertes Englisch – sondern so etwas wie beides zusammen vereint, mit Karten und etwas Spannung?

Wenn ich dann an einem Morgen die Klasse betrete, erwartet die Schüler ein ganz besonderer Unterricht. Es wird um Mathematik gehen, es wird Englisch gesprochen werden und ein bisschen anstrengen müssen sich die Kinder auch. Aber keinem wird es wirklich auffallen.

Poker als Unterrichts-Fach verbindet viele Facetten. Begriffe wie Wahrscheinlichkeit und Erwartung werden spielerisch erarbeitet und dennoch leuchten die Augen! Natürlich geht es vordergründig ums Gewinnen und Wettkampf, das lernen die Kinder auch in anderen Sportarten. Schnell aber wird ein Gefühl dafür vermittelt, wie man mit – scheinbar einfachen – Rechnungen seine Kontrahenten taxieren und – im besten Fall – auch ausstechen kann.

Seit Jahren schon unterrichte ich immer wieder an Grund- oder Mittelschulen, bin an Gymnasien und Gast und zeige dem Nachwuchs, welche integrative und normative Kraft in Poker steckt. Mit wenigen einfachen Regeln werden alle am Pokertisch gleichgesetzt, es bedarf sehr wenig, um miteinander pokern zu können.

Dass zu dem Miteinander natürlich auch ein Gegeneinander gehört, wird schnell klar und motiviert in aller Regel mehr als es bremst. Anders als im normalen Unterricht kämpfen die Kinder nicht mit sich oder den gestellten Aufgaben, sondern stehen im Wettstreit mit den Klassenkameraden. Beste Freunde gehen zunächst einmal sanft miteinander um, oder eben gerade nicht.

Die Kinder haben innerhalb des Spiels alle Freiheiten, sich auszuprobieren und bekommen direkte Resonanz in Form von Anerkennung, Mitleid – und natürlich von Plastikchips. Sie stehen in meinem Unterricht als Ersatz für Noten oder Prüfungen.

Je mehr die Kinder das Spiel verstehen, desto mehr Fragen haben sie. Es ist schön zu sehen, mit welchem Ehrgeiz sie sich der Aufgabe stellen und – ganz nebenbei – die sonst so ungeliebten Rechnungen oder Vokabeln in sich aufgesogen haben.

Nach der WM ist vor den Playoffs…

Nach der WM ist vor den Playoffs…

November 2017: Der hoch favorisierte Pre-Season-Meister unserer DPSB HeadsUp Live Liga, die Bavarian Allstars, scheiden bei den Play Offs zur Deutschen Meisterschaft bereits in der Gruppenphase mit nur einem Punkt aus.

Juli 2018: Das Deutsche Fußball Nationalteam scheidet als amtierender Weltmeister in der Gruppenphase der WM mit nur einem Sieg aus.

Und im WM Finale stehen sich nun nicht England und Frankreich gegenüber, sondern sind die Rollen ungleicher verteilt als zu erwarten war: Frankreich nimmt ganz klar die Favoritenrolle ein, während Kroatien deutlicher Underdog ist.

Welches Team „darf“ nun Angst haben und welches „muss“ hoffen?

Und was haben all diese Beispiele gemeinsam?

Dazu ein vor kurzem von mir veröffentlichter Text (erschienen vor dem „Aus“ der Deutschen Mannschaft) über Champions, Underdogs und den eklatanten Unterschied zwischen Angst und Hoffnung. Er steht als zeitloses Statement, das nicht nur den aktuellen Status der Fussball WM widerspiegelt, sondern auch in unserer HeadsUp Live Liga sein Beispiel fand – und bestimmt auch künftig wieder finden wird.

Noch ist in der Liga „alles drin“, noch stehen die 16 Finalisten nicht fest. Noch sind die Rollen der Favoriten und der Underdogs nicht verteilt – und gerade deswegen ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, um sich als Spieler und als Team die folgenden Gedanken zu verinnerlichen:

Verlieren üben – Über das Privileg, einen Elfmeter schießen zu dürfen

Im Dialog mit … RA Axel Mittig, Kurator und Rechtsberater des DPSB

Im Dialog mit … RA Axel Mittig, Kurator und Rechtsberater des DPSB

In den letzten Wochen haben wir bereits über die Libratus Challenge berichtet und in dem Zusammenhang mit dem Präsidenten des Deutschen Poker Sportbundes Stephan Kalhamer über seine Einschätzungen gesprochen. Stephan hat uns in dem Zusammenhang die mathematischen Ansätze des Algorithmus und deren Wirkung auf die menschlichen Widersacher beschrieben. In dem Zusammenhang wird eine weitere Frage aufgeworfen. Poker – im speziellen die Variante No Limit Texas Hold’em – wird in Deutschland als Glücksspiel eingestuft. Aber wie kann es sein, dass eine künstliche Intelligenz im Rahmen der beschriebenen „Libratus Challenge“ menschliche Spieler besiegen kann, wenn Poker ein Glücksspiel sein soll? Vor allem die Tatsache, dass im Rahmen der Challenge der Glücksfaktor durch die Spiegelung der Karten minimiert worden ist, stützt unsere Theorie weiter. Somit wirkt diese Niederlage des Menschen gegen die Maschine nochmal ganz anders. Wenn es sich hier um ein Glücksspiel handeln würde, dann könnte der Algorithmus von Libratus niemals so effizient arbeiten und den Gegnern entgegentreten.

Diese neuen Erkenntnisse haben uns dazu veranlasst mit unserem Kurator und Rechtsberater des Deutschen Poker Sportbundes RA Axel Mittig zu sprechen und die rechtlichen Aspekte dieser Geschehnisse rund um die Libratus Challenge weiter zu beleuchten.

Lukas:
Hallo Axel, schön dass Du Dir die Zeit für uns genommen hast und uns einen Einblick in Deine Sicht auf die Libratus Challenge und ihre Folgen geben möchtest.
Wie hast Du die Challenge verfolgt? Und was war Dein erster Eindruck?

Axel:
Ich habe die Challenge anfänglich sporadisch begleitet und schließlich mit großem Interesse das Ergebnis und die Berichte verfolgt. Als ich das Ergebnis gesehen habe, war ich sehr überrascht. Mein erster Gedanke war der, dass ich mir die Frage stelle, wie lange der Online Pokermarkt noch bestehen wird bzw. wie die Anbieter gewährleisten wollen, dass man tatsächlich gegen menschliche Gegner und nicht gegen eine Maschine spielt.

Lukas:
Warst Du sehr verwundert über das Ergebnis und die Entwicklung der Technik?

Axel:
Ich war äußerst überrascht, dass man bereits so effiziente Algorithmen entwerfen kann, die im Rahmen des No Limit Hold’em so wirksam den menschlichen Widersachern begegnen können.

Lukas:
Hast Du diese Entwicklung der Technik so schnell erwartet bzw. damit gerechnet?

Axel:
Auf gar keinen Fall habe ich das erwartet und vor allem nicht so schnell. Für mich war das No Limit Hold’em noch immer viel zu komplex, aber da wurden wir nun ja eines Besseren belehrt.

Lukas:
Wie siehst Du die Auswirkung des Ergebnisses auf die strafrechtliche Einordnung des Pokers – speziell No Limit Texas Hold’em – als Glücksspiel?

Axel:
In dem Zusammenhang muss man zunächst Poker im Verein als Pokersport und Poker um Geldeinsätze voneinander trennen.
Der Pokersport im Verein ist gesondert zu betrachten, da aufgrund der fehlenden Geldeinsätze und dem Spiel um Punkte der Tatbestand des Glückspiels nicht erfüllt ist.
Poker mit Geldeinsätzen wiederum ist in Deutschland bislang strafrechtlich als Glücksspiel eingestuft. Die Argumentation dafür liegt darin, dass man auf den sogenannten Durchschnittsspieler abstellt und davon ausgeht, dass bei ihm der Erfolg hauptsächlich vom Zufall abhängt. Daran ändern nach Auffassung der Strafgerichte einzelne Spieler, die aufgrund von besonderen Fähigkeiten besser abschneiden nichts. Entscheidend für die Einordnung als Glücksspiel ist immer dieser ominöse Durchschnittsspieler.

Lukas:
Das würde somit bedeuten, dass „Libratus“ auch als überdurchschnittlich eingestuft werden würde und somit nichts an der Einordnung des Spiels ändern würde?

Axel:
Ja, ganz genau. Libratus würde hier klar durch seine Algorithmen als überdurchschnittlich eingestuft werden und somit die grundsätzliche Einordnung als Glücksspiel nicht verändern.

Lukas:
Für mich und wohl auch viele Pokerspieler in Deutschland sehr schwer nachzuvollziehen. Wie siehst Du generell die Situation des Pokers in Deutschland.

Axel:
Die Definition der Rechtsprechung sehe ich sehr kritisch. Meines Erachtens ist sie völlig untauglich, eine nachvollziehbare und rechtssichere Abgrenzung vom Glücks- zum Geschicklichkeitsspiel vorzunehmen. Stattdessen öffnet sie Tür und Tor für willkürliche Entscheidungen. Mit der genannten Definition kann ich als Richter praktisch alles begründen – auch die Steuerpflicht einzelner Spieler. Ich muss sie nur als „überdurchschnittlich befähigt“ ansehen. Gründe hierfür finde ich als Richter in jedem Einzelfall. Wir beobachten dementsprechend, dass die Gerichte – und zwar sowohl die Straf- als auch die Finanzgerichte – vom Ergebnis her argumentieren und das ist im Rahmen der Rechtsprechung in einem Rechtsstaat nie ein gutes Zeichen.
Hinzu tritt, dass sich Straf- und Finanzgerichte inzwischen in entscheidenden Punkten komplett widersprechen. Das FG Münster hat z.B. kürzlich in einem Urteil ausgeführt, Poker sei auch für den Durchschnittsspieler kein Glücksspiel. Das würde ein Strafgericht eben genau anders sehen. Für den Bürger/Spieler ist es also kaum noch abzuschätzen, was erlaubt ist und was unter Strafe steht. Die derzeitige Regelung und die Praxis der Gerichte stoßen aus meiner Sicht daher auch auf verfassungsrechtliche Bedenken.

Lukas:
Siehst Du denn auch eine positive Perspektive für den Poker in Deutschland durch die neuerlichen Entwicklungen in Bezug auf die Libratus Challenge?

Axel:
Juristisch wird sich dadurch, wie bereits erwähnt nicht viel ändern. Aber vielleicht ist es am Ende ein kleines Puzzleteil, um bestimmte Richter zum Nachdenken zu bringen. Vielleicht wird die Frage aufgeworfen, ob man an die Glücksspieldefinition nicht mal anders herangehen sollte.

Lukas:
Poker scheint in Deutschland nach wie vor mit seinen Vorurteilen zu kämpfen. Ist das der vermeintlich eigentliche Grund für die Einstufung als Glücksspiel?

Axel:
Ja das ist nach meiner Einschätzung sicher einer der Hauptgründe. Zudem verdient der Staat am Glücksspiel auch sehr viel Geld und hat sicherlich ein Interesse daran, die privaten Anbieter vom Markt fern zu halten.

Lukas:
Eine fast schon philosophische Frage im Zusammenhang mit dem Pokerspiel, ist die Frage nach der prozentualen Verteilung von Glück und Können bei No Limit Texas Hold’em. Wie würdest Du das für Dich einstufen?

Axel:
Das ist sehr schwer zu sagen – ich persönlich würde das für mich in einem Verhältnis von 60:40, bei 60% Können, einstufen.

Lukas:
Ein Spiel das mehr als 50% auf Können basiert – darf man das Spiel als Glücksspiel einstufen?

Axel:
Nach meinem Ermessen eigentlich nicht. Aber wie schon gerade erwähnt, behilft sich die Rechtsprechung hier mit einem „Semi-Bluff“.

Lukas:
Was müsste aus Deiner Sicht passieren, damit die öffentliche Wahrnehmung des Pokers in Deutschland verbessert wird??

Axel:
Die Förderung des Pokers durch Verbands- und Vereinsarbeit, um den Fokus auf das Spiel zu setzen und darüber die breite Öffentlichkeit für das Spiel zu begeistern. Ergänzend ein ansprechendes Spielangebot bereitstellen und durch Wettbewerbe den sportlichen Aspekt fördern. Das sind nach meiner Einschätzung gute Wege, um den monetär belasteten Vorurteilen des Spiels entgegenzuwirken. Ich bin kein Gegner von Poker mit Geldeinsätzen, aber leider ist der historische Ruf des Pokers dadurch sicherlich beeinträchtigt.

Lukas:
Danke für Deine Zeit und die neuen Erkenntnisse, die wir durch unser Gespräch in unsere Community weitertragen dürfen. Am Ende bleibt mir die Frage – was würdest Du Dir in dem Zusammenhang für die nähere Zukunft wünschen?

Axel:
Wünschenswert wäre eine einheitliche, klare gesetzliche Regelung, so dass man als Spieler und Veranstalter besser einschätzen kann, was man darf und was man nicht darf.

Lukas:
Ja das würden wir uns wohl alle wünschen! Vielen Dank Axel und bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt „DPSB im Dialog…“

© 2017, Lukas Lange für den DPSB

Im Dialog mit … Stephan Kalhamer zur „Brain vs. Artificial Intelligence Challenge“

Im Dialog mit … Stephan Kalhamer zur „Brain vs. Artificial Intelligence Challenge“

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Die Pokervariante „No – Limit Hold’em (NLHE) gilt als komplexe Spielvariante des Poker und war bisher nicht von Computern oder KIs zu schlagen. Es gab bereits mehrere Versuche und Challenges, in denen Computer gegen Poker Profis antraten, jedoch immer ohne Erfolg… bis zum Januar 2017.
Zuletzt traten 4 Pokerprofis (Jason Les, Dong Kyu Kim, Jimmy Chou und Daniel McAuley) gegen den Poker-Bot Libratus an. Der Bot wurde von Prof. Tuomas Sandholm und Ph. D. Student Noam Brown in Zusammenarbeit mit dem Supercomputing Center in Pittsburgh entwickelt.
Es wurde eine Challenge „Brains vs. Artificial Intelligence“ gespielt, bei der jeden Tag von 11-19 Uhr im Rivers Casino Pittsburgh NLHE im HeadsUp gespielt wurde. Dabei startete jede Hand mit 200BB bei Blinds von $ 50/100.  Der Glücksfaktor wurde dadurch ausgeschaltet, dass in 2 parallelen Matches die gleichen Karten (Hole- und Community Cards) verteilt wurden, wobei die Holecards untereinander ausgetauscht worden waren.
Am Ende  konnte sich Libratus deutlich gegen die menschlichen Widersacher durchsetzen und bei 120.000 gespielten Händen ein Plus von insgesamt $ 1.766.250 erwirtschaften.
Ein deutliches Ergebnis, was uns dazu veranlasst hat mit dem Präsidenten des Deutschen Poker Sportbundes (DPSB) über diese Entwicklungen zu sprechen:

Lukas:
Hallo Stephan, die gesamte Pokerwelt verfolgte gespannt die neuerliche Challenge „Brains vs. Artificial Intelligence“ in Pittsburgh. Wie hast Du das Duell der 4 Poker Profis mit „Libratus“ gesehen?

Stephan:
Also die Sache, so wie ich sie bisher gesehen habe, ist super spannend. Es ist ein wirklicher Kampf Mensch gegen Maschine. Der Titel „Brains vs. Artificial Intelligence“ ist sichtbar. Eine Anfangsniederlage der Pokerprofis, wo nach knapp 3000 Händen die Menschen erstmal auf dem falschen Fuß erwischt worden sind, konnte wettgemacht werden. Die Pokerprofis haben ihr Spiel adaptiert und so auf die Stärke des Gegners reagiert, dabei haben die Poker Profis die Tugenden des Menschen berücksichtigt und sind aggressiver geworden und konnten in wenigen Händen überproportionalen Profit erzielen. Durch Täuschungsmanöver und selbstbewusstes kreatives Aufspielen konnten sich die Spieler in den Vordergrund spielen.
Im Anschluss gab es den nächsten downswing der menschlichen Spieler, weil der Computer weiter von Hand zu Hand dazu lernt und die Methoden und Aktionen seiner Gegner kennenlernt und sachlich kühl bedient. Im Grunde merkt der Computer, dass die Profis vom spieltheoretischen Optimum abweichen, um auf den Computer zu reagieren. Aber genau das hat Libratus nun auf dem Schirm und schlägt brutal zurück. Die menschlichen Spieler sacken  ab und ab Tag 7 geht es dann 13 Tage brutal nach unten.

Lukas:
Wie schätzt Du diesen Verlauf bzw. diese Niederlage ein?

Stephan:
Ich habe das ein wenig recherchiert und man möchte eine Parallele ziehen zum WM Halbfinale von 2014 als Brasilien gegen Deutschland verlor. Am Anfang große Spannung und Respekt und plötzlich schießt Deutschland in wenigen Minuten 3 Tore und Brasilien bricht insbesondere mental auseinander, konnte sich davon im Laufe des Spiels nicht mehr erholen.

Lukas:
Und hier siehst Du die Parallelen?

Stephan:
Ja absolut – als die Menschen Ihr Selbstvertrauen verloren haben und über die letzten Tage noch Dinge ausprobiert haben, hat es nur noch zu höheren Verlusten geführt. Das Ergebnis war schon deutlich und man muss der KI hier den höchsten Respekt zollen. Hier wurde ein neuer Meilenstein erreicht, der vor Jahren noch nicht denkbar war.

Lukas:
Kannst Du hier ein wenig näher auf das Ergebnis im Vergleich zur Statistik eingehen?

Stephan:
Als guter Spieler hat man einen Vorteil / Edge  auf seine Gegner abhängig von den Einsätzen von vielleicht 2-3 Big Blinds auf 100 Hände (auf Topniveau) und so ergibt es für die Spieler die zu erwartende Marge. Wenn man nun das Duell von Libratus gegen die Pokerprofis mittelt kommt man auf ca. 15 BB Verlust pro 100 Hände. Das ist wirklich ein heftiges Ergebnis.

Lukas:
Wow – das klingt extrem hoch und überproportional.

Stephan:
Mehr als das – also die statistische Signifikanz ist da doppelt, dreifach, zehnfach abgesichert. Allein die Tatsache, dass 120 000 Hände gespielt wurden und jede Heads-UP Partie immer gespiegelt wurde, hat man erreicht, dass es kein Kartenglück gibt. Das unterstreicht nochmal die Deutlichkeit des Ergebnisses.

Lukas:
Es klingt als wenn ein neues Zeitalter anbrechen könnte…

Stephan:
Ich kann dazu wirklich nur sagen… darüber kann man, muss man und wird man sich Gedanken machen müssen.

Lukas:
Wenn man diese Fakten und Zahlen generell mal sacken lässt. Kommt da nicht der Eindruck auf, dass es ein unfaires Duell war?

Stephan:
Man könnte natürlich den Gedanken aufkommen lassen, dass es sich hier um ein ungleiches Duell handelt. Aber ich teile diese Annahme nicht. Schließlich haben wir Menschen den Computer erschaffen. Der Computer kann erstmal nichts außer schnell und präzise sein. Was er denken soll, wurde von uns vorgegeben. Die Tatsache, dass wir nun in der Lage sind ,Adaptionen hinzubekommen, in der der Computer seine Stärken ausspielen kann und Effizienz in die Rechenpower bringt, ist ein wahnsinniger Fortschritt und vor allem eine Entwicklung. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell geht.

Lukas:
Was genau überrascht Dich hier am meisten?

Stephan:
Es ist als Beispiel unglaublich schwer ein Gefühl für Timing zu entwickeln: mal das Falsche zu tun, aber im richtigen Augenblick. Das ist die kreative Stärke von uns Menschen, die es uns ermöglicht als Beispiel Bluffs oder Täuschungen genereller Natur einzustreuen, um den Gegner zu besiegen. Die Tatsache, dass diese Kreativität nun in Zahlen abbildbar ist, begeistert mich als Mathematiker natürlich. Und dass nun nach Schach auch die Königsdisziplin Poker signifikant angegriffen wird. Das ist wirklich ein Quantensprung!!

Lukas:
Du hattest gerade schon erwähnt, dass es bereits Computer gibt, die das Spiel Schach schlagen. Wie siehst Du die Unterschiede zwischen Schach und Poker in der Anforderung für eine KI?

Stephan:
Beim Schach nimmt die Komplexität im Verlauf des Spiels bis hin zum Endspiel ab, wobei die Komplexität beim Poker ansteigt. Im Detail auf Poker bezogen bedeutet das, dass wir mit 2 verdeckten Karten gegeneinander spielen und wir somit anfänglich nur mit überschlagen 1326² verschiedenen Möglichkeiten starten, die sich durch die Setzrunden und die Gemeinschaftskarten weiter drastisch erweitern. Auf dem Flop bedeutet dies, dass wir bereits im Bereich von ca. 40 Milliarden Möglichkeiten sind und dass wiederum noch jeweils etwa um den Faktor 50 für Turn und River multipliziert wird.
Lange Rede, kurzer Sinn – die Komplexität steigt bei No-Limit Texas Holdem an, da auch die Setzrunden und somit die Entscheidungsrelevanz im Verlauf einer Spielrunde ansteigen. In Abhängigkeit der Aktionen der Spieler in den Setzrunden zuvor und dem eingesetzten Werten, gibt es wiederum zahlreiche Kombinationen und Entscheidungen die man parallel zu den Kartenwahrscheinlichkeiten in die Waagschale werfen muss.
Bedeutet, wenn der Computer im Endspiel stärker ist, bedeutet es in dem Fall nicht, dass es weniger komplex ist, sondern es ist durch die starke Komplexität ein „Heimspiel“ für den Computer.

Lukas:
Du sprichst von Entscheidungen und Kombinationen. Was genau meinst Du hiermit?

Stephan:
Es geht hier um den Einsatz von Spielstilen. Man unterscheidet das spieltheoretische korrekte Spiel und das adaptierte Spiel. Beim erst genannten handelt es sich um den defensiven Ansatz und dieser geht davon aus, dass der Gegner ein fehlerarmes bis fehlerfreies Spiel spielt. Man respektiert diesen Gegner und bleibt somit in der Deckung, um sich selbst nicht angreifbar zu machen. Auf der anderen Seite haben wir das adaptierte Spiel, dass auf Basis von Erkenntnissen und Erfahrungen beruht und es somit ermöglicht gezielt aus dem spieltheoretischen Optimum herauszutreten, um die Fehler beim Gegner ausnutzen zu können. Als Beispiel kann man Gegner mit zu hoher Spielfreude oder zu viel Neugierde mit höherer Aggression entgegentreten und somit auch mit dünneren wertschöpfenden Wetten bespielen. Bei ängstlicheren Gegnern kann man die Bluff Frequenz hochschrauben und sich somit einen Vorteil verschaffen.

Lukas:
Das würde auch bedeuten, wenn zwei Spieler mit einem spieltheoretischen korrekten Spiel aufeinander treffen, dass sich der Gewinn gegen Null entwickeln würde, oder?

Stephan:
Ja in einer perfekten Welt wäre das so. Aber in der reellen Welt, die durch Menschlichkeit und viele Einflüsse geprägt ist, bündeln sich die Gewinne langfristig bei den Spielern, die mehrheitlich Entscheidungen mit positivem Erwartungswerten treffen.

Lukas:
Gerade das Thema Entscheidungen mit positivem Erwartungswert müsste ja etwas sein, dass der Computer perfekter beherrschen sollte als der Mensch oder? Ist das der Grund für die hohe Niederlage?

Stephan:
Der Computer entscheidet zu jeder Tages- und Nachtzeit immer gleich und berechnet seine Entscheidungen so gut er kann. Er hat nie einen „schlechten“ Tag.
Bei allem Respekt für das Team, das hier angetreten ist, behaupte ich, dass normale menschliche Einflüsse wie z.B. Müdigkeit, Frustration, Wut oder Überheblichkeit in manchen Situationen vorlag und Entscheidungen im Ergebnis fatal beeinflusst haben könnte.
Das sind für mich die plausibelsten Gründe für diese hohe Niederlage. Ich glaube nicht, dass der Computer bereits so stark ist und so dominant ist, wie es das Ergebnis aufzeigt.

Lukas:
Aber wie kam es dann Deiner Meinung nach zu dem gravierenden Ergebnis?

Stephan:
Man hat recht klar gesehen, dass die Menschen wohl versucht haben, am Ende nochmal alles in die Waagschale zu werfen und alles auf eine Karte gesetzt haben. Kurzfristig hat das geklappt, allerdings hat man dann im Versuch das Ruder nochmal rumzureißen eine höhere Niederlage einstecken müssen. Das war aber sicherlich einkalkuliert. Es zeigt wiederum eine menschliche Tugend, die zeigt, dass man unbedingt gewinnen will und daher nochmal alles versucht. Am Ende war es egal, wie hoch man verliert – aber so lange man eine Chance hat es auszugleichen, versucht man es auch.

Lukas:
Ist man denn hier nicht ein zu hohes Risiko gegangen? Und wie stehst Du generell zum Thema Risiko im Verhältnis zum Erfolg?

Stephan:
Man muss sich immer im Klaren darüber sein, dass exorbitante Siege immer einhergehen mit einem großen Risiko. Man riskiert quasi per Definition immer viel um schließlich wirklich Großes zu erreichen. Dabei sollte man auch nie die Demut verlieren. Man sollte immer auch berücksichtigen, dass eigener Erfolg mitunter von anderen bitter bezahlt worden ist. Das sollte man sich immer vor Augen führen, um die Realitätsnähe nicht zu verlieren.
Daher sollte man immer nur so viel Risiko eingehen, wie man selbst auch wirklich gewillt ist zu tragen. So sollte man auch immer eine Risikoanalyse mit einbeziehen: bringt mir der Einsatz auch wirklich etwas im Verhältnis zum negativen Ausgang. Wenn ich mit dem negativen Fall nicht umgehen kann, dann ist das Risiko zu groß – egal wie positiv der beste Fall im jeweiligen Zusammenhang auch sein mag.

Lukas:
Stephan – vielen lieben Dank für Deine Zeit und vor allem die Sicht auf die Dinge bezüglich den jüngsten Ereignissen im Bereich „Brain vs. Artificial Intelligence“.

© 2017, Lukas Lange für den DPSB

DPSB Einblicke – nachgefragt bei… Matthias Liese

DPSB Einblicke – nachgefragt bei… Matthias Liese

Das neue Jahr 2017 ist gerade erst gestartet und beim Deutschen Pokersportbund (DPSB) wird schnell deutlich, man hat sich viel vorgenommen für das neue Jahr. Mit Vollgas hat man zunächst den sportlichen Plan 2017 veröffentlicht, dann hat man mit Matthias Liese die neue Rolle des „Ligamanager“ bekleidet und am 14. und 15.01.2017 die Einzelmeisterschaft 2017 in der Spielbank Berlin ausgetragen, wo sich Roman Häusler (Berlin Unicorns) den Titel sichern konnte.

Zeit für uns nachzufragen bei Matthias Liese als Exekutivdirektor des Sportvorstandes, wie er sich in seiner neuen Rolle als Ligamanager das Jahr 2017 vorstellt.

Matthias ist bereits seit der Gründung des DPSB (2009) für den Verband tätig und war in unterschiedlichen Rollen unterwegs. Er kommt aus Hamburg und ist der Abteilungsleiter Poker im Sportverein des tus Berne und somit verantwortlich für die Poker Piranhas tus Berne.

Lukas:
Matthias, schön dass Du Dir die Zeit genommen hast. Erstmal herzlichen Glückwunsch zu Deiner neuen Position beim DPSB (Exekutivdirektor des Sportvorstandes), der auch die Rolle „Ligamanager“ beinhaltet. Wie siehst Du diese Rolle für Dich persönlich?

Matthias:
Dankeschön. Nachdem ich in den vergangenen Jahren bereits als Regionalleiter Nord tätig war und eigentlich seit Beginn des Verbandes im Norden die Themen bedient habe, freue ich mich nun sehr meine Tätigkeiten überregional ausüben zu können.

Lukas:
Du bist bereits seit vielen Jahren für den DPSB im Norden unterwegs und als Kapitän der Poker Piranhas Bulldozers tus Berne hast Du auch neben Deiner Rolle als Regionalleiter Nord am Spielbetrieb der Heads-UP Team Live Liga teilgenommen. Was lief im letzten Jahr gut und wo hat man Optimierungspotenziale erkannt?

Matthias:
Die Heads-UP Team Live-Liga ist ein toller Wettbewerb, der nun bereits in die 8. Saison startet und somit für Kontinuität steht. Es wurde sehr viel richtig gemacht in den letzten Jahren und ich glaube, dass wir durch die Bündelung der Aktivitäten der Regionalleiter auf den Ligamanager noch weiter an Effizienz und Transparenz gewinnen werden.

Lukas:
Du hast das Thema Transparenz angesprochen. Wie wichtig ist in dem Zusammenhang das neue Ligaverwaltungstool auf der Webseite des DPSB?

Matthias:
Im letzten Jahr war es leider ohne ein solches Tool unmöglich sich einen Überblick der Lage der Ligen zu sorgen. Durch die vielen Staffeln und Spiele wussten die unterschiedlichen Regionen untereinander kaum wie die Spiele bisher ausgegangen sind und wie die Tabellensituationen waren. Das ist für 2017 nun sichergestellt und wird dazu beitragen, dass die Qualität und Außendarstellung der Liga noch weiter nach vorn gebracht wird.

Lukas:
Deine neue Rolle ist vielleicht nicht jedem verständlich. Erkläre mal kurz die Aufgaben und Ziele des Ligamanagers für unsere Leser.

Matthias:
Der Ligamanager soll die zentrale operative Verantwortung für den Bereich Sport beim DPSB tragen und dabei u.a. die Heads-UP Team Live Liga und die Einzelmeisterschaft verwalten. Dabei soll die Einführung einer zentralen Instanz dazu führen, dass die Liga harmonisiert wird und Entscheidungen allgemeingültig getroffen werden können. Dabei ist es mir wichtig, dass alle Regionen und Vereine gleich behandelt werden. Zudem sollen die Kommunikationswege vereinfacht und verschlankt werden.
Das primäre Ziel ist es für mich den Wettbewerb der HU Team Live Liga bundesweit zu vereinheitlichen. Wie schon oben dargestellt, soll durch die neue bundesweite Tabelle der Wettbewerb gefördert werden und die Liga attraktiver gestaltet werden.

Lukas:
Das klingt sehr spannend. Danke Matthias für die Ausführungen und die Zeit, die Du uns geschenkt hast für den ersten Einblick. Ich wünsche Dir viel Erfolg in Deiner neuen Rolle und einen guten Start in das neue Jahr!

DPSB Dialog Lukas Lange Matthias Liese

Wer nun neugierig geworden ist auf die neue Saison 8 der HU Team Live Liga des DPSB, kann sich hier noch bis zum 31.01.2017 anmelden.

Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt „DPSB Einblicke – nachgefragt bei…“

© 2017 DPSB, Lukas Lange

Links:

Anmeldung Verein/Club

Unser sportlicher DPSB Plan für 2017

Matthias Liese ist unser HeadsUp Live Liga-Manager

Roman Häusler ist DPSB Einzelmeister 2017